der sonntag
Sonntag, 31. Juli 2005
* 31. Juli. Ich habe keine Zeit. Es ist allgemeine Mobilisierung. K. und P. sind einberufen. Jetzt bekomme ich den Lohn des Alleinseins. Es ist allerdings kaum ein Lohn, Alleinsein bringt nur Strafen. Immerhin, ich bin wenig berührt von allem Elend und entschlossener als jemals. Nachmittags werde ich in der Fabrik sein müssen, wohnen werde ich nicht zu Hause, den E. mit den zwei Kindern übersiedelt zu uns. Aber schreiben werde ich trotz allem, unbedingt, es ist mein Kampf um die Selbsterhaltung.

(Aus: Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923, Fischer Verlag)

Heute vor 32 Jahren wurde die NSDAP stärkste Partei bei der Reichstagswahl. Vor 507 Jahren entdeckte Columbus Trinidad. 1914 erklärt Östereich-Ungarn die Generalmobilmachung. In Inangahua berichtet die Zeitung am 31.7.1891 auf der 2. Seite über einen tragischen Unglücksfall vom 30. Juli: "A Lad named Morrison, aged 10, whose Parents reside at Tinokori Road was drownded of the Esplanade near the Manawatu Railway Station this Morning. A younger brother had fallen into the Water, and he jumped in to rescue him"

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Sonntag, 26. Juni 2005
ab ins wasser...

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Sonntag, 22. Mai 2005
22.5.1912
"Gestern wunderschöner Abend mit Max. Wenn ich mich liebe, liebe ich ihn noch stärker. "Lucerna". "Madame la Mort" von Rachilde. "Traum eines Frühlingsmorgens." Die lustige Dicke in der Loge. Die Wilde mit der roten Nase, dem aschebestaubten Gesicht, den Schultern, die sich aus dem übrigen nicht dekolltierten Kleide drängten, dem hin und her gezerrten Rücken, der einfachen, weißgetupften, blauen Bluse, dem Fechterhandschuh, der immer zu sehen war, da sie die Rechte meißtens auf dem rechten Schenkel der neben ihr sitzenden lustigen Mutter ganz oder auf den Fingerspitzen ruhen ließ. DIe über den Ohren gedrehten Zöpfe, nicht das reinste hellblaue Band auf dem Hinterkopf, das Haar vorn im dünnen, aber dichten Büschel geht rund um die Stirn und vorn weit über sie hinaus. Ihr warmer, faltiger, leichter, nachlässig vor lauter Schmiegsamkeit hängender Mantel, als sie bei der Kassa unterhandelte."

(Aus: Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923, Fischer Verlag)

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Sonntag, 10. April 2005
Blaustern und Bleistift.


Um diese zeit fährt der kundige Städter gerne auf den einen Berg, den wir haben, und der steht in Linden. Dort befindet sich die Sternwarte, der Jazzclub, ein Theater, ein Biergarten, die Kleingarten-Kolonie "Lindener Alpen" und der Friedhof mit dem Küchengartenpavillon. Um diese Zeit, und hier kommt endlich die Auflösung, blüht dort nämlich Scilla Siberica, der Sibirsche Blaustern, das Blaue Wunder von Hannover wie diese sonst so bescheidene Stadt es gänzliche ohne Hockerlicht nennt.



Ein verschwiegener Ort, trotz der glücklicherweise auch zu dieser Zeit nicht übermäßig vielen Besucher. Neben den blauen Blumen habe ich dort noch eine weitere Entdeckung gemacht. In einer Mauerritze, fast vom Moos überwachsen lag ein kleiner Bleistiftstummel, von beiden Seiten angespitzt, von beiden Seiten auch abgebrochen.

Fragte ich mich, wer dort auf diesem Friedhof gewesen sein mag, und was er oder sie hier mit diesem Bleistift angefangen haben. Etwas aufgeschrieben? Einen Brief, oder etwas in einem Notizbuch vermerkt? Einen traurigen Engel gezeichnet? Wie lange lag dieser Stift dort? Ich werd es nicht mehr herausbekommen, die Dinge sind eigen mit ihren Geheimnissen.



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Sonntag, 13. März 2005
Am offenen Fenster
mit Wolldecke in der Sonne, wie ein Patient in der Lungenklinik. Sofort tief eingeschlafen, beim Aufwachen die eindeutige Empfindung eines Herbstnachmittages aus dem Schlaf mitgenommen, die leichte Kühle in der Luft, Erdgeruch. Beschlossen, sich wieder, diesen Frühling, ganz besonders, den elementaren Sinneseindrücken zuzuwenden. Notier er das, Eckermann.

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Sonntag, 20. Februar 2005
20. Februar 1911
" Mella Mars [JPG] in der "Lucerna". Eine witzige Tragödin, die gewissermaßen auf einer verkehrten Bühne so auftritt, wie sich Tragödinnen manchmal hinter der Szene zeigen. Beim Auftreten hat sie ein müdes, allerdings auch flaches leeres altes Gesicht, wie dies für alle bewußten Schauspieler ein natürlicher Anlauf ist. Sie spricht sehr scharf auch ihre Bewegungen sind so von dem durchgebogenen Daumen angefangen, der statt der Knochen harte Sehnen zu haben scheint. Besondere Wandlungsfähigkeit ihrer Nase durch die wechselnden Lichter und Vertiefungen der ringsherum spielenden Muskeln. Trotz der ewigen Blitze ihrer Bewegungen und Worte pointiert sie zart.

Kleine Städte haben auch kleine Umgebungen für den Spaziergänger.

Die jungen reinen gut gekleideten Jungen neben mir im Promenoir erinnerten mich an meine Jugend und machten daher einen unappetitlichen Eindruck auf mich.

Kleist Jugendbriefe 22 Jahre alt. Gibt den Soldatenstand auf. Zuhause fragt man: Also welche Brodwissenschaft, denn die hielt man für selbstverständlich. Du hast die Wahl zwischen Jurisprudenz u. Kameralwissenschaft. Aber hast Du auch Konnexionen bei Hofe?" Ich verneinte anfänglich etwas verlegen, aber erklärte darauf umso viel stolzer, daß ich wenn ich auch Konnexionen hätte, mich nach meinen jetzigen Begriffen schämen müßte, darauf zu rechnen. Man lächelte, ich fühlte, daß ich mich übereilt hatte. Solche Wahrheiten muß man sich hüten auszusprechen" "

Franz Kafka: "Gesammele Werke" (Tagebücher 1910-1923) Hrsg. von Max Brod, Erstauflage 1935 bei Schocken, Berlin

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