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Sonntag, 27. Mai 2007
Es ist 04:44 Uhr morgens, ich warte auf die Jungs ohne Augenfalten und Esskultur, das Taxi ist schon bestellt. Noch etwas Zeit, Nostalgie schleicht sich ein, die einsame Nacht tut ihre Wirkung: ich schwelge in Erinnerungen.
4. Mai, das letzte Wochenende im Urlaub geht zu Ende. Ich drösele grade am PC als das Handy klingelt. Die Kollegin M. ruft an: "Kannst Du heute abend ausnahmsweise arbeiten, der Chef fliegt morgen früh, das Haus ist voll und ich hab bis heute abend schon genug Stunden runter, ich komm nicht morgen um 5 Uhr für Frühstück." "Ja sicher, klar. Ich dachte, S. ist morgen früh da?" "S. hat sich vorhin krankgemeldet." "Oh, ach so. Ja gut, ich komm dann nachher kurz rein, dann können wir das noch bekakeln." Kollegin S. konnte, so stellt sich an diesem Abend heraus, auch am Wochenende davor nicht arbeiten, weil irgendein Neffe siebenundvierzigsten Grades ganz dringend jemand brauchte, der für seine Hochzeit noch schnell die Servietten faltet. Oder so ähnlich. Also Freitag abend ran, Samstag früh schnell in den Zug und wieder ab nach Hause, den letzten Urlaubstag noch ein bisschen geniessen. Das Handy mache ich aus. Sicher ist sicher. Freitag, der 11. Mai. Ich liege seit 20 Minuten im Bett, klingelt das Telefon. Kollegin S. ist dran. "Hör mal, würde es Dir was ausmachen, heute abend zu arbeiten? Ich wollte gleich nach der Schicht zu meiner Familie fahren und bräuchte morgen früh nicht so früh hiersein." Ich kaue noch am letzten Wochenende. "Nein, ausserdem hab ich schon was vor heute abend, ich geh zum Konzert, tut mir leid." "Ach so, naja gut. Also dann bis Sonntag." Handy aus. Besser spät als nie. Sonntag, der 13. Mai. Ich bin schon früh da, schnell ein Tässchen Kaffee abgreifen und dann ab in die Stadt, schönes Wetter heut, vielleicht Bilder machen. Kollegin M. steht mit angefressenem Gesicht in der Küche. "Sag mal, was machst DU denn hier?" "S. hat mit dem Chef ausgemacht dass ich sie am Wochenende vertrete." "???" Die ruft also echt den Alten im Urlaub an, erzählt ihm einen vom Huftier und warum sie ganz fürchterlich dringend am Wochenende nicht arbeiten kann. Der Chef: "Ist mir egal wie ihr euch einigt. Hauptsache ist jemand da." Dann ruft sie M. an, der Chef habe gesagt sie müsse am Wochenende Vertretung blablabla... Aber Sonntag abend sei sie da, kein Problem, M. könne dann gerne zuhause bleiben. Sonntag abend, ich trete an, S. ist tatsächlich anwesend, steht sprungbereit mit der Tasche unterm Arm da und trällert im Vorbeigehen: "Die Kasse muss noch gemacht werden, ich hab keine Zeit, muss sofort weg. Ich komm morgen ein bisschen später, muss zum Blutabnehmen." Nachdem der Kaffee wirkt und ich langsam zu mir komme bin ich erstmal sprachlos. Das "bisschen später" am nächsten Morgen entpuppt sich als ausgewachsene anderthalb Stunden. Natürlich ist der meiste Stress schon gelaufen als sie kommt, also erstmal private Post erledigen, E-Mails lesen, Internet surfen. Langsam, aber sicher kriege ich einen dicken Hals. Ich sage nur "Tschüss" und gehe. Shit happens. Aber hey, es ist Sonntag früh, eigentlich habe ich frei. Was ich um diese Zeit trotzdem hier mache, fragen Sie sich? Ich will es erklären. Das ging so: Freitag, 25.Mai 2007 - 07:35 Uhr Kollegin S. hat Frühdienst, ab 07:00 Uhr. "Morgen" "Morgen. Na, spät dran heute?" "..." Kurzes Briefing wer wann, wo, mit wem und warum. "Hörst Du mir eigentlich zu?" "Ja" Surft im Internet, liest E-Mail. Dann: "Oh, ist aber viel los am Wochenende." "Ja, Montag ist Feiertag. Denkst Du an den People von Zimmer 34 mit seinem Bügeleisen?" "Jaja." "Und das Taxi für die Schlipsträger nicht vergessen." "Jaaahaaa. Sag mal, was machst Du am Wochenende?" "Ich hab' was vor. Wieso?" "Och, nur so." Ich gehe gleich das Handy ausschalten, nochmal kriegen die mich nicht. Dann ab in den Keller, der Weinmensch hat geliefert, das will ich weghaben bevor ich nach Hause fahre. 10 Minuten später, ich bin grade mittendrin in den Weinkisten, schreit der Küchenjunge: "Louis, Louis! ... Louis???!!" "Was ist denn jetzt schon wieder. Kann man nicht mal 5 Minuten in Ruhe..." "Komm schnell, Du musst schnell kommen!" "Was ist denn LOOOS!" Ich komme grade die Treppe hoch, da sehe ich die Kollegin noch aus dem Augenwinkel, Jacke an, Tasche in der Hand: "Ich komme am Wochenende nicht, bin erst am Dienstag wieder da." Und weg ist sie. Mir fehlen Reaktion und Worte. Der Küchenjunge: "Ihr Vater ist gestorben." Aha. Ach so. Ja, also das ist natürlich was Anderes. Da kann man nix machen. Ich schleiche durch die Küche, um den Pass, drücke die Tür einen Spalt weit auf, peile um die Ecke. Mein Gott. Das Restaurant ein einziges Chaos. Kein Tisch abgeräumt, kein einziger, die Gäste sitzen einträchtig mit wildfremden Leuten an einem Tisch, schieben schmutziges Geschirr händewischend zur Seite und bearbeiten leere Kaffeekannen. Kein Aufschnitt mehr und kein Käse, keine Milch, Teewasser ist aus und den letzten Rest Orangensaft hat ein rücksichtsloser Gast jemand Anderem vor der Nase weggeschnappt. Ich komme nicht mal dazu mich zu fragen was zum Geier sie eigentlich die ganze Zeit gemacht hat, es bröckelt an allen Ecken und Enden. Der Chef steht plötzlich in der Tür, in Jogginghose, Latschen, ungekämmt, unrasiert. Er hat am Vortag Doppelschicht geschoben, ist erst nachts um halb zwei nach oben und ist ausreichend verwirrt. Ich erkläre das Wenige der mir bekannten Umstände. "Bis gleich." Nach 15 Minuten ist er wieder da, geduscht, rasiert, im feinen Zwirn. Mentale Notiz: Das ist neuer Rekord. Die nächsten zweieinhalb Stunden gehören uns: wir schwitzen Blut, Wasser und sagen unaussprechliche Dinge. Wir kämpfen gegen Tischdecken von der Größe mittlerer Toppsegel, pflügen uns durch verlassene Brötchenlandschaften, Milchsee und Butterberg stehen wir Auge in Auge gegenüber. Firmenrechnungen, Kreditkartenbelege, Kaffeetassen, abstrakte Marmeladenkunst und - einmal - eine Serviette mit wässrig-glibberigem Eiweiss, wie hingespritzt. Alles geht durch unsere Hände, verschwimmt zu einem Wirbel persönlicher Beichten über Erziehung, Reinlichkeit und Tischmanieren. Wir erteilen global die gastronomische Absolution und büßen praktischerweise gleich mit, auch für die spärlichen Sünden unseres eigenen Lebens. Um 11:30 ist das Restaurant eingedeckt, wir kratzen uns die Marmelade aus den Haaren, Tässchen Kaffe im Stehen und teilen uns brüderlich das letzte Croissant. "Sag mal, Du kannst Dich ja noch richtig schnell bewegen, wie." Ich grinse verschämt, was soll ich auch sagen. Da ist noch Schweinkram am Hemd, direkt über der Plautze, ich pule konzentriert. "Ich geh schnell mit dem Hund und nochmal Duschen. E. muss jeden Moment hiersein, kannst Du nur noch schnell die Getränke machen bei Tisch sieben." Kann ich, das Prinzchen (seines Zeichens Mitbewohner in ihrer WG) hat das Drama wohl schon mitbekommen und wird ja wohl etwas früher kommen. Es ist 10 nach Zwölf, das Restaurant füllt sich. Der Kollege Marke Prinz dackelt an, grient ein freundliches "Verschlafen" und holt sich erstmal ganz entspannt einen Kaffe während Tisch sieben mit der Karte winkt und die Omas in der Ecke ihre Frisuren betatschen. Naja, ist jetzt auch schon egal. Der Chef kommt wieder. Dann: "Kannst Du Samstag abend kommen, bitte. Die Hütte ist voll. Hab grade mit M. telefoniert (die andere Kollegin), die kommt morgen früh. Ich mach dann heute Feierabend." Damit hat sich das Essen mit seiner Familie dann auch erledigt. Ich nicke nur stumm, ertränke den Jazzbrunch am Sonntag morgen mit einem Schluck aus der Tasse und gehe erstmal den Rest Wein einräumen. Dabei höre ich dann, so ganz nebenbei, das fragliche Familienoberhaupt sei gar nicht abgekratzt, nur im Krankenhaus. Und der Kollege Prinz hat eine SMS erhalten; es sei ihr (der Kollegin mit dem totgesagten Vater) unmöglich, vor Dienstag zur Arbeit zu kommen. Das ist wirklich ausserordentlich günstig. Montag ist Feiertag und wir sind bis Montag voll ausgebucht, das könnte ja noch in Arbeit ausarten. Ich schiebe die letzten Kartons zusammen und beschliesse, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen. Nicht heute, ich bin kotzmüde und es lohnt den Aufwand nicht. Eine innere Stimme sagt mir dass sich da jemand Anderer schon drum kümmern wird. Mein Chef ist der mit Abstand beste den ich bisher hatte. Eine Seele von Mensch, absolut korrekt, immer freundlich und höflich, jeder kann mit allen seinen Problemem zu ihm gehen, und wenn er helfen kann (und das kann er eigentlich immer, auch ausserbetrieblich), dann langt er gerne hin mit Finanzspritze, Gesprächen, Trost und seinen guten Beziehungen, er hat auch schon manche Schicht freiwillig geschoben für uns. Aber ich befürchte zuversichtlich: diesmal ist er wirklich böse. Ich geh dann mal Croissants backen. Bis heute abend. ... comment
nase,
Sonntag, 27. Mai 2007, 09:41
auha, da denke ich für diese dame würde ich erstmal eine weile nicht mehr einspringen...
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louis xiv,
Montag, 28. Mai 2007, 01:01
Keiner will das mehr, deswegen dreht sie das ja immer so dass wir Anderen letztendlich gar keine Wahl haben. Hätte sie mich am Freitag (so wie sich das gehört) gefragt anstatt einfach abzuhauen, die Antwort wäre "Nein" gewesen. Das wusste sie. So blieb mir nix übrig als Augen zu & durch. Das wusste sie auch.
Ich will auch gar nicht wissen was sie am Dienstag zu sagen hat. Ist mir um die Zeit zu schade. ... link ... comment
ralf-ulrich,
Dienstag, 29. Mai 2007, 12:40
Echt unmöglich, die Alte.
Ihr geht da noch viel zu freundlich mit ihr um. ... link
louis xiv,
Mittwoch, 30. Mai 2007, 01:15
Ich sag da nix mehr zu, ich habe ja bereits verschiedentlich meinem Ärger Luft gemacht, hier zB & hier.
Sie sägt an dem berühmten Ast, seit Freitag hat sie eine Motorsäge, glaube ich... ... link ... comment |