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Fressnapf

made with antville
Donnerstag, 21. Juni 2007
Die ist mir ja gleich aufgefallen, schon am ersten Tag.

Jeden Tag die gleiche Hose, die gleiche Bluse, die gleichen Schuhe. Aus fast nichts noch was hermachen. So gut es eben geht.
Die Anderen haben zusammengelegt und sie eingeladen, die Kolleginnen mit den besseren Jobs an der Uni oder an den privaten Schulen. Streng genommen ist sie ja gar keine Lehrerin mehr, darf keine mehr sein weil sie zu oft das Falsche gesagt hat, damals. Sie wurde angezeigt, vor Gericht gestellt wegen staatsfeindlichen Verhaltens, schlussendlich hat man sie verurteilt, nur ein paar Freunde sind noch geblieben. Fairweather friends denen es gutgeht, vielleicht schlägt auch das soziale Gewissen, keine Ahnung, ist auch egal. Aber man kennt sich halt noch. Von früher, als man selbst noch gebüffelt hat.

Umgerechnet nicht ganz 120 Euro zahlt ihr der Staat pro Monat für ihren Job. Dafür, dass sie ein Kinderheim leitet. Nicht in der Haupstadt, natürlich, sondern irgendwo ausserhalb. Keins von den Prestigeobjekten die man westlichen Journalisten gerne zeigt, keins von den Heimen über die man gerne spricht. Keins von den Heimen für die sich jemand freiwillig melden würde - ausser, es bliebe ihm keine andere Wahl.
Aber eins von den Heimen die hin und wieder in den Sensationsreportagen und Klatschspalten auftauchen, immer dann wenn mal wieder ein bisschen Einschaltquote gebraucht wird. Wolfsrachen, Autismus, Kinderlähmung, Verstümmelungen, Brandwunden, Taube, Stumme, Blinde. Ausgesetzt von verzweifelten oder einfach nur egoistischen Eltern. Wer nicht arbeiten kann muss sehen wo er bleibt.

4 Euro am Tag für 24 Stunden Verantwortung, 7 Tage die Woche, für viel zuviel Elend und Dreck, Verzweiflung, Krankheit, eine ungewisse Zukunft. 4 Euro für überlastete Ärzte und eine lächerliche medizinische Versorgung, die Ignoranz der Gesellschaft, die Verachtung der Dorfgemeinschaft. 4 Euro am Tag für zuwenig Essen, zuwenig Kleider, zuwenig Leben.

Und das erzählt sie ganz ruhig, ohne grosses Getue. Als ich sie frage ob sie verheiratet ist wird sie sogar ein bisschen rot. Ihre Familie ist das Heim, die Kinder, sagt sie. Da bliebe keine Zeit für grossartige Beziehungskisten. Und wer wollte sie denn schon haben, ohne Geld und mit dem Job und ihrer Vergangenheit.

Manchmal rede ich mir ein ich hätte schon so ziemlich Alles mitgemacht hier, von kotzenden Geschäftsleuten über Spesenritter bis zu Bordsteinschwalben "mit Extranummer" und dem fetten alten Banker mit seiner nuttigen jungen Frau.

Und manchmal kriegt man trotz Allem noch einen Tritt in die Eier.

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