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Fressnapf

made with antville
Dienstag, 17. April 2007
Also gut, hier die Bilder.

Villa Louvigny zum 1.


Villa Louvigny zum 2.


Villa Louvigny zum 3.

Was für ein riesiger, hässlicher Klotz. Keine schöne, verträumte Villa im Grünen sondern ein viereckiger, grobschlächtiger Bau mit Massen an modernem und semi-modernem Beiwerk (treppen aus Stahl, Fenster aus Alu...)
Die romantischen Jugendträume sind damit endgültig tot & begraben.

Dabei dachte ich immer, das wär mehr so:


Oder so:


Hätte ich nur die Finger davon gelassen. Die pubertären Träumereien decken sich ja bekanntlich kaum jemals mit den harten Fakten des Alltagslebens. :(

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Freitag, 6. April 2007
Ich habe endlich die Villa Louvigny gefunden.
Glaube ich.

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Donnerstag, 22. Februar 2007
Buch ausgelesen. Danke, Hilmar. Wer immer mal wissen wollte mit was man sich auf Reisen in Hotels immer wieder herumschlagen muss, dem sei ein Hinweis aus selbigem Buch als Surftipp empfohlen: praschls Hotelführer für Vielreisende. Auf dem Antville-Server, klar. Warum überrascht mich das jetzt nicht...

Heute morgen in Luxemburg unterwegs, auf den Spuren meiner vertanen Jugend. Villa Louvigny gesucht, da hat Alles angefangen damals, für Jochen Pützenbacher und Frank Elstner, für Désirée Nosbusch, für Thomas Gottschalk.
"Die grossen Acht" und die "Hitparade" von RTL im tragbaren Radio gehört und pflichtbewusst auf Kassette aufgenommen, gegen fehlende Bravo-Starschnitt-Teile getauscht oder kopiert und als gültiges Zahlungsmittel für verpasste Sendungen feilgeboten - zu einer Zeit als die Welt & die abgelieferte Moderationsqualität noch persönlich & in Ordnung war. Die Besten Hits von Heute lagen noch in weiter Zukunft, es gab ein Leben vor Helmut Thoma und ich sah, dass es gut war: Jörg Ebner moderierte Mittwochs das 80er-Jahre-Pendant zum amerikanischen "Beau's All-Night Radio Love line", Karl Dall mit grausligem Humor und viel Spucke die "Blaue Stunde".
"Hits von der Schulbank mit Désirée Nosbusch" war heissdiskutiertes Thema in den Pausen, besonders nach "Der Fan" wurde sie auch sehr heiss begehrt, von jedem. Mit grossem Interesse las ich damals das Exklusiv-Interview in Bravo, man habe sie schamlos hinters Licht geführt. Schamlos war das treffende Wort: die Bilder aus dem Film ganierten die Story & lieferten mir den ersten vorzeigbaren Ständer meines Lebens. Wer diese Bravo hatte war Gott auf dem Schulflur und Pausenkönig auf Lebenszeit. Ich natürlich nicht: mein Exemplar wurde der belastenden (im Heft abgedruckten) Standbilder wegen noch am gleichen Tag von den Eltern konfisziert.
Bitte: Wie soll man als Mann seine Libido erforschen, seine weibliche Seite entdecken - wenn einem selbst die rudimentärsten Voraussetzungen vorenthalten werden.
Ohrfeige, Hausarrest, Taschengeld-Entzug - Erstaunlich wie schnell sich sowas bei den Eltern rumspricht, oder. Ich habe immer noch meinen Dorfnachbarn im Verdacht, der durfte sowas wie eine Bravo nicht mal anfassen und hat zuhause immer erzählt was wir gesagt haben in der Schule. Das kam dann natürlich brühwarm zurück, mehr als ein familiäres Meeting habe ich der alten Tratschtante zu verdanken - natürlich nur zu meinem Besten, so war das damals in der Eifel mit der Moral. Die Kirche im Dorf lassen, haha, und am Sonntag gut sichtbar in die Messe, und was sollen denn die Nachbarn von uns denken wenn die das hören.
Dem Mißstand bin ich eine Woche später mit Penthouse zu Leibe gerückt, man muss konsequent an sich arbeiten.

Aber mein wirkliches, platonisches (und penibel gehütetes) Geheimnis unter dem Joch elterlicher Fürsorglichkeit war damals nicht Désirée, es war Helga.
Helga Guitton, blond, schlank, attraktiv und immer verdammt gut bei Stimme, war für mich die personifizierte Gänsehaut aus dem Äther. Programmansagen und -änderungen wurden aufmerksam verfolgt, Hausaufgaben und lästige Pflichten auf dem Hof auf das Sendeschema abgestimmt und sekundengenau getimt.
Wer braucht schon ein paar unscharfe Bilder von einer pubertierenden Göre, gedruckt auf billigem Papier. Helga war "Da capo", Helga war "on", (beinahe) jeden Tag. Ein verpasstes Intro-Jingle war schmerzvoll, aber zu verkraften. Eine verpasste Sendung war unersetzlich, auf das Anfassen der Kassetten mit den aufgenommenen Sendungen stand die Todesstrafe. Ich habe mir damals immer gewünscht sie mal sehen zu können - zwei der drei Schwestern meines Vaters wohnten in Luxemburg und wir besuchten sie oft. Stalking war damals noch kein Thema, die Kneipen in denen die Sprecher ein- und ausgingen bekannt, aber keine Attraktion. Kein Ding der Unmöglichkeit also, aber meine Eltern, besonders meine Mutter, weigerten sich aus unerfindlichen Gründen, mit mir auf Kneipentour zu gehen. Alleine durfte ich auch nicht. Frank Elstner hab ich einmal gesehen, von Weitem, er hat damals seine Pommes in meinem Heimatdorf unten am Büdchen gefuttert.

Die Frittenbude im Dorf meiner Grosseltern lag damals an der B51, in Vor-Autobahn-Zeiten die schnellste (und einzig annehmbare) Verbindung zwischen Luxemburg und Köln. Die Rückwand war gepflastert mit den runden Aufklebern von RTL, hier haben schon Jochen Pützenbacher und Rainer Holbe ihre Currywurst bestellt. Gesehen habe ich sie nie, obwohl sie damals praktisch zur Familie gehörten: wenn man in der Eifel "Radio hören" sagte meinte man "RTL hören". Wir hörten damals eine Menge Radio zuhause, einzelne Sendungen (besonders die "Hitparade") wurden im gesamten Bekanntenkreis heftig diskutiert, da machten sogar die Eltern mit.
Das Radio lief natürlich auch bei "Mutti" wenn sie ihre Pommes schwenkte oder Bratwurst verteilte. "Mutti" kannte sie alle, hatte sogar Autogramme auf Papptellerchen. Ich habe mich nie getraut nach Helga zu fragen, sie hätte was merken können. Ich bin ja heute noch so schüchtern. Dann doch lieber schweigen & leiden. Ganze Nachmittage habe ich mit Fettgeruch in der Nase und Hoffnung im Herzen gewartet, mir die Beine in den Bauch gestanden im Dienst an der Liebe, nie habe ich seit dem Nachmittag als Frank Elstner dort war auch nur einen von der ganzen Truppe zu Gesicht bekommen, Helga schon gar nicht. Die Hoffnung starb zuletzt, ich war unsäglich traurig. Auf den Gedanken, sie könnte verheiratet sein, bin ich gar nicht gekommen.
Wir wären durchgebrannt damals, wir waren doch noch so jung, wir hätten einander gehabt & das ganze Leben noch vor uns. Es sollte nicht sein.

Die fröhlichen Wellen aus Luxemburg haben mich, den Bauernlümmel aus der tiefsten Eifel, nicht nur emotional sondern auch musikalisch entjungfert. Was Bravo für die Aufklärung geleistet hat brachten mir die sonntäglichen Hitparaden musikalisch bei. Weit abseits von den samstäglichen Familiensitzungen vor dem heimischen Fernseher ein neues Lebensgefühl, statt Ernst Mosch & Hitparade der Volksmusik entdeckte ich die faszinierende Welt der kurzberockten Frauen und obercoolen Macker, die viel Musik machten, viel Geld verdienten & so sehr viel glücklicher waren als ich (vom Sex gar nicht zu reden). Ich wurde aufmüpfig, fühlte mich unverstanden und weigerte mich fortan standhaft, in die Kirche zu gehen. Meine Götter hiessen anders, es verlangte sie weder nach stundenlangen Kniebeugen noch nach geheuchelter Reue. Ausserdem sahen die Abba-Girls und Joan Jett besser aus als der Genagelte, wie ich meinte. Sie hatten mehr Sex-Appeal.
Es gab natürlich wieder jede Menge Ärger mit Mam und Paps deswegen. Das könnte ich doch nicht machen, was sollen denn die Nachbarn denken. Das war mir egal, also gab's Druck und Erpressung. Ich habe gemotzt, vergeblich. Ich versuchte es mit vernünftigen Argumenten: Es war einfach nicht mehr cool hinter dem Weihrauchfäßchen zu latschen und bei Prozessionen in der Hitze das Gesangbuch zu schleppen. Es nutzte nichts. Aus Trotz bin ich aus dem Chor ausgetreten & habe den Meßdienerjob geschmissen. Auch zur Beichte ging ich nicht mehr.
Danach ging es rapide abwärts.


Mit dem Rock'n'Roll kamen die Drogen, noch vor dem Ersten Mal. Es heisst also: Rock'n'Roll, Drugs&Sex. Andersrum wär mir lieber gewesen, aber wir reden hier über die Eifel Anfang der 80er, da muss man nehmen was man kriegen kann.
Eine Band wurde gegründet, nicht besonders gut aber dafür laut. Orgel war gut, da konnte man in sicherer Deckung ordentlich abkippen, war aber schwer zum Schleppen, die olle B3. Also wurde ich Basser. Da wurde man auch besser gesehen. Mit dem Saufen klappte auch weiterhin prima, nur die Anzahl der Groupies ließ zu wünschen übrig. Man kann wohl nicht Alles haben.

Jeden zweiten Samstag (manchmal auch nur 1x im Monat) war im Nachbardorf Saalkasper. Saalkasper geht so: Coverband anheuern, Würstchenstand aufmachen, Eintritt kassieren, Bauern abfüllen. Disco kam in der Eifel erst später und war für die Popper, die Kiffer mit den langen Haaren und die Kleinen. Wir, die harten Kerle von der Ranch, fingen um 10 Uhr an (Türen auf) und machten durch bis um 3 Uhr (Letzte Runde). In 5 Stunden kann man viel abrocken und sich erstklassig besaufen. Dass ich dafür jedes mal 1 1/2 Kilometer querfeldein über Wiesen und Trampelpfade bergauf kraxeln musste war egal. Meistens hab ich auf dem Heimweg aber den Umweg über die Strasse gemacht, war weniger riskant, wegen dem Gefälle & der Kuhscheisse. Man konnte sich auch prima an der Leitplanke festhalten beim Kotzen.

Die nächtlichen Exkursionen waren absolut nix für meine Eltern. Einmal bin ich mit einer Kartoffelkiste auf den Anhänger, von da aufs Dach, dann auf den Balkon und hab den Bruder geweckt damit er mich reinlässt. Der Alte hatte echt die Tür abgesperrt. Gab natürlich wieder Stunk weil Atze gepetzt hat. So konnte es nicht weitergehen.
Wir haben dann aus der Not heraus einen "Jugendclub" gegründet und ein paar von diesen Jugendgottesdiensten gemacht, Hallelujah von Taizé und Alles. Der Sohn vom Bürgermeister war Theologiestudent, leitete offiziell den Club & sorgte für den nötigen seriösen Anstrich, verlangte aber "Sonderstatus" bei den erforderlichen Einkäufen: Er würde sich öffentlich nie daran beteiligen, das müssten dann wir schon übernehmen. Dafür konnten wir dann im Clubhaus ungestört picheln. Das mit dem Einkaufen war Okay, die Nachbarn haben sowieso geredet. Aber saufen konnte er wie nix Gutes. Wir haben ihn mehr als einmal bis zur Oberkante abgefüllt, aus Dankbarkeit für seinen selbstlosen Einsatz in der Jugendarbeit.
Gegen soviel Girlpower und männliches Sendungsbewusstsein hatte meine unerreichbare Flamme nicht viel Chancen, das leuchtet ein. Der Sinn stand mir nicht mehr nach platonischem Anhimmeln weit entfernter Löwenmähnen (ich hatte auch immer ein Faible für Farrah Fawcett-Majors, sogar Olivia Newton-John war kurzzeitig im Rennen). Mich trachtete es endlich nach dem wahren Leben, in Form der langbeinigen Schwester meines Kumpels. Sie fuhr aber eher auf teetrinkende Verweigerer mit Nickelbrille & Bong ab, ich war wieder einmal allein mit meinem Kummer & hielt mich erstmal an Bit aus der Kiste schadlos. Toughe Situationen erfordern toughes Handeln, das ist nur was für ganze Kerle.

Heute wohnt Helga buchstäblich hier um die Ecke, ich laufe fast täglich an ihrem Haus vorbei. Frank Elstner hat seine Produktionsstudios 10 Minuten von hier, Rainer Holbe schreibt die wöchentliche Kolumne für die Tageszeitung. Wie klein ist die Welt. Beim Rumsuchen heute morgen hatte ich reichlich Muße, die "guten alten Zeiten" nochmal Revue passieren zu lassen. Elstner & Holbe tangieren mich nicht sonderlich, ich hab nie auf Jungs gestanden. Aber Helga, das war schon was. Der Altersunterschied war mir damals ziemlich egal, was sind schon 20 Jahre bei so einem blonden Strassenfeger, wir wären durchgebrannt & hätten einander genügt. Heute sehe ich das selbstverständlich anders. Helga, wir hatten nie unsere Chance.

Und dann fiel mir ein: Désirée hätte altersmässig wohl eher gepasst, sie war ja auch nicht hässlich, denken Sie an den ersten Ständer, sowas ist prägend. Wenn Sie mich fragen: Sie ist sogar heute noch ein verdammt steiler Zahn.
Jemand zufällig die Adresse bei Hand?

Die Villa Louvigny habe ich natürlich nicht gefunden, ich weiss nicht welches Gebäude es ist. Ich weiss nur, welche in Frage kommenden Gebäude es nicht sind. Ohne Stadtplan geht in meinem Alter gar nix & für die neuzeitlichen technischen Spielereien bin ich mir definitiv zu schade. Würde auch albern aussehen wenn da einer mit dem Navi durch die 20 Quadratmeter Stadtpark tapert und zu dämlich ist ein altes Haus zu finden.

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